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„Ich würde gerne nachhaltig reisen, aber mit 3 Kindern?!“

Dieses Treffen hatte ich mir anders vorgestellt. Verdattert saß ich auf meinem Stuhl und hatte einen Moment den Eindruck, dass die Welt den Atem anhält. Dabei saßen wir im heimischen Garten und unsere Kinder spielten mit allem, was sie draußen an Material finden konnten. Wie in Zeitlupe sah ich meine Hand zum Becher greifen und trank einen großen Schluck Kaffee. „Ich würde ja gerne nachhaltig reisen, aber ich habe drei Kinder“ hallte der Satz meiner Freundin in meinen Ohren nach. Eine gefühlte Ewigkeit sagte ich nichts…

So etwas hatte ich noch nie gehört

Vielleicht war es ihr vorwurfsvolles „WAS?“, welches mich aus meiner Starre befreite. Ich holte tief Luft, denn dieser Satz „Ich würde ja gerne nachhaltig reisen, aber ich habe 3 Kinder“ löste eine Lawine in mir aus. 

Die Anzahl der Kinder soll ein Grund dafür sein, dass die Verantwortung für das eigene Reiseverhalten weggewischt wurde? Das fand ich krass! 

Klar, das Reisen hat sich verändert. Unsere Vorfahren mussten sich keine Gedanken um Plastikflaschen, Klimaanlagen oder all-inclusiv-Urlaube machen. Lange Zeit ging es nur mit Kutsche, zu Fuß oder per Segelschiff um die Welt. Nachhaltig reisen war der Normalzustand. Außerdem waren sie in anderen Größenordnungen unterwegs als wir heute. Die Welttourismus-Organisation UNWTO hat ausgerechnet, dass bis zum Jahr 2030 rund 1,8 Milliarden Menschen im Ausland auf Reisen sein werden.* Der Tourismus boomt und wir sind alle ein Teil davon. Gerade in der jetzigen Zeit lesen und hören wir täglich, wie wichtig der Reiseverkehr für viele Regionen ist. Die Kehrseite der wachsenden Tourismusströme kennen wir alle und ich bin mir sicher, dass wir über die Bilder aus Venedig staunten, die zu Anfang der Pandemie in den sozialen Medien kreisten und klares Wasser in der Lagunenstadt zeigten. 

Ich redete mich völlig in Rage und meine Freundin wurde zum Blitzableiter. Müssen wir denn wirklich die Big Five in Südafrika live erleben? Reichen uns nicht die Small Five in unserem deutschen Wattenmeer aus? Müssen wir immer kürzer, dafür öfter weit weg? Weißt Du, dass nur noch weniger als zehn Prozent aller Reisen länger als drei Wochen dauern? Sind wir uns unserer Reisefreiheit bewusst und schätzen es, dass wir in deutlich über 100 Ländern ohne jegliches Visum als Tourist einreisen dürfen? Ist es nicht dann angezeigt, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen und mit einem Schritt mal anzufangen?

Meine Freundin saß genauso verdattert da und genau in dem Moment tat es mir auch schon wieder leid. Fair war das nicht. Zwei verschiedene Wissensstände prallten aufeinander. Aber zum ersten Mal war bei ihr Interesse für das Thema „nachhaltig reisen“ geweckt. Das spürte ich sofort und genau DAS ist doch der erste Schritt.

Wie fange ich überhaupt an? Was wären erste Schritte in Richtung nachhaltiges Reisen?

Der erste Schritt ist getan, denn das Interesse für das Thema ist da und ist es einmal ausgesprochen, trifft es einen immer wieder. Du kennst es sicherlich auch, dass du in einer Welt voller schwangerer Frauen und deren Partner unterwegs bist, wenn du selbst ein Kind erwartest. Vorher ist dir das nicht aufgefallen. Artikel zum nachhaltigen Reisen werden dir begegnen, Zeitschriften auffallen und das ein oder andere Buch über deinen Weg laufen. Ganz bestimmt!

Mit dem ersten Interesse folgte bei mir ein sehr konkreter Schritt. Ich verzichte auf jegliche gedruckte Reisekataloge. Klar, das ist mühsam und macht etwas Arbeit, den Versender per Mail anzuschreiben, denn meist habe ich irgendwo vor langer Zeit einmal zugestimmt, einen Katalog zu erhalten. Neben dem Abbestellen habe ich es mir zur Gewohnheit werden lassen, dass ich auch keine Kataloge auf Messen mitnehme, zumal es meine Erfahrung ist, dass ich im Nachhinein kaum einen Blick hinein werfe und diese im Altpapier landen.

Nachdem der erste Schritt einmal gemacht ist und dieser mir gar nicht weh tat, geht es los zu den Nächsten. Mit der Wahl meines Reiseziels, meiner Reiseform, meiner Transportmittel und meines Verhaltens vor Ort kann ich Zeichen setzen. Ich kann mich zum Beispiel damit beschäftigen, möglichst wenig CO2 im Urlaub zu erzeugen. Eine Hilfestellung gibt das Buch „Fairreisen: Das Handbuch für alle, die umweltbewusst unterwegs sein wollen“ von Frank Herrmann. 

Besonders empfehlenswert sind Radurlaube, die direkt ab der eigenen Haustür starten. Zelturlaube auf einem Öko-Campingplatz und einer An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind in der gleichen Kategorie genannt. Öko-Campingplätze finden sich z.B. im Portal von www.ecocamping.de.

Unter empfehlenswert fällt das Reisen mit vollausgelastetem Wohnmobil und der Nutzung von Stellplätzen. Um bei der Vollauslastung beizutragen, bieten sich Camper-Sharings wie Paul Camper an. In der gleichen Kategorie wird die Kombination aus Reisebus oder Bahn mit privaten Pensionen genannt.

Als noch vertretbar werden die Urlaubsreisen im voll ausgelasteten PKW/Wohnmobil mit Übernachtung auf dem Campingplatz und/oder im Hotel eingeschätzt.

Falls keine Alternativen zur Verfügung stehen, wird die Reise mit einem Wohnmobil bei 50-prozentiger Auslastung und Quartier auf dem Campingplatz empfohlen.

 Sowie eine Reise per PKW mit 2 Personen und der Übernachtung im Hotel, eine Flugreise innerhalb Europas mit Campingplatz und öffentlichen Verkehrsmitteln/Fahrrad vor Ort. 

Vermeiden oder sehr selten antreten sollten wir eine Flugreise mit Übernachtung im Hotel, Mietwagen oder Wohnmobil vor Ort. Kreuzfahrten und vor allem Kreuzfahrten mit einer An- und Abreise mittels Flugzeug.

Wie geht es weiter? Gibt es noch mehr Möglichkeiten?

Im Anschluss kann ich mich mit den verschiedenen CO2-Kompensationsmöglichkeiten auseinandersetzen. Das wäre einmal ein eigener Blog-Artikel wert. Für einen ersten Schritt schaue ich bei atmosfair.de rein.

Ich kann auch einmal während des Urlaubs gezielt darauf achten, welche Eindrücke ich in Sachen Nachhaltigkeit erlebe und mir vornehmen, im Anschluss der Reise davon zu erzählen. Wurde zum Beispiel das Wasser im nahegelegenen Swimming Pool mittels einer Solaranlage beheizt? Hat der Reiseleiter vor Ort tolle Öko-Tipps gegeben und kann ich das dem Reiseveranstalter zurückmelden? 

Wir sollten über positiven Erlebnisse in den sozialen Netzwerken berichten und gute, konkrete Beispiele helfen genauso unseren Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen.  

Fazit

Wir haben eine Stimme und diese sollten wir sorgsam nutzen. Ich bin dankbar für die Reisefreiheit, die ich aufgrund meiner Nationalität habe, und bin mir darüber bewusst zu einem kleinen Teil der Menschen zu gehören, für „die das Reisen zum Konsum dazugehört wie das tägliche Duschen“ schreibt Frank Herrmann in seinem Buch. Der erste Schritt fängt bei mir mit dem Interesse für das Thema an und sobald ich mich auf den Weg gemacht habe, fügt sich ein Schritt an den nächsten und die Reise beginnt.

Du möchtest mehr über mich und noch mehr Ideen kennenlernen? Dann komm in meinen Newsletter: 

*Quelle: FAIRreisen, oekom Verlag, Frank Herrmann

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